In Lobeda haben zwei Frauen keine Lust mehr auf Anonymität – und klingeln sich einmal durchs Treppenhaus. Dabei knüpfen sie unbewusst an vergangene Utopien an.
An einem Sonntagnachmittag im Dezember steige ich in Lobeda-West aus der Straßenbahn. Während ich an kahlen Bäumen vorbei die Karl-Marx-Allee entlangeile, habe ich kurz ein schlechtes Gewissen. Schließlich könnte ich den dritten Advent auch mit meiner Familie verbringen statt mit einer flüchtigen Bekanntschaft. Der Wind pfeift und ich rücke meine Wollmütze zurecht.
Mir geht durch den Kopf, was ich in meiner kurzen Zeit als Lokalreporterin über Lobeda gelernt habe. „Neulobeda“ natürlich, korrigiere ich mich selbst. Da sind die Alteingesessenen streng.
Neulobeda: Nur das Beste für die Arbeiter
Anfang der 1960er Jahre plante die Stadt die Arbeitersiedlung zunächst für 20.000 Menschen, später für 40.000. Grund war das rasche Wachstum des Carl-Zeiss-Kombinats. Dafür strömten Wissenschaftler, Ingenieurinnen und andere Arbeitskräfte aus der ganzen Republik nach Jena. Während das Leben in der „Platte“ heute für viele nach Armut und Alternativlosigkeit klingt, waren die modernen Wohnungen mit eigenem Bad und Zentralheizung damals heißbegehrt. Mit der industriellen Bauweise konnte die Stadt schnell und effizient Wohnraum schaffen. Die Entwürfe bezogen sich auf die Vordenker der Bauhaus-Schule, die in den 1920er Jahren bessere Wohnungen für Arbeiter und Angestellte entwickeln wollten. Praktische Überlegungen wirkten zusammen mit dem Weltbild der DDR: Die gleichförmigen Wohnungen sollten der angestrebten Gleichheit aller Menschen entsprechen.
Wenige Minuten später stehe ich vor einem ausladenden Klingelbrett in der Fritz-Ritter-Straße. Mir fällt mir ein, dass ich versäumt habe, meine Verabredung um ihre Telefonnummer zu bitten – aber da öffnet mir Anne bereits die Tür.
Der Charme eines Fahrradabstellraums
Einige Wochen zuvor hatten wir uns bei einer Veranstaltung unter dem Titel „Zukunftswerkstatt Wohnen“ im Stadtteilladen „Emils Ecke“ kennengelernt. Inmitten von Infotischen und Flipcharts stand Anne und erzählte mir eine Geschichte, die mich aufmerken ließ.
Jetzt führt sie mich durch den schmucklosen Eingangsbereich des Wohnblocks, dann einen schmalen Flur mit abgenutzten Wänden entlang, an dessen Ende eine Tür offensteht.
Der Raum dahinter hat mit seiner Raufasertapete und dem grauen Linoleum den Charme eines Fahrradabstellraums – und das ist er tatsächlich auch. In der Mitte steht ein gedeckter Tisch, drumherum zusammengewürfelte Klappstühle. Auf einem Pappteller mit Schneeflocken-Muster liegen sorgfältig angerichtet Lebkuchen, Mandarinen und Erdnüsse.
Am Tisch erwartet uns Annes Nachbarin Sabine. Die beiden wohnen Tür an Tür, und treffen sich schon lange gelegentlich auf eine Tasse Tee am Küchentisch. Die Freundschaft schuf für die beiden Frauen einen neuen Bezugspunkt im Alltag. Zum Jahreswechsel 2024/25 fassten sich die beiden Frauen ein Herz und klingelten sich einmal durchs Haus.
„Vielleicht knallen die mir die Tür vor der Nase zu!“
„Wir haben einfach gesagt, dass wir nicht mehr anonym leben wollen, gern mal unsere Nachbarn kennenlernen würden – und ob denen das auch so geht“, erzählt Anne. Die Grundschullehrerin und ehemalige Versicherungskauffrau hat keine Scheu davor, mit Fremden ins Gespräch zu gehen, im Gegensatz zu Sabine. „Wer weiß, vielleicht knallen die mir die Tür vor der Nase zu!“, habe sie gedacht und vorerst Anne reden lassen, die das Ganze systematisch anging: „Wir sind in beiden Treppenhäusern von oben nach unten durchgegangen, mit Block und Stift in der Hand. Da haben wir zu den Leuten notiert: hat Interesse, hat Interesse an folgenden Aktivitäten, hat Zeit an dem und dem Tag. Manche haben gesagt: Nee, es ist ganz schön, im Anonymen zu leben, das soll so bleiben. Aber bei manchen Wohnungen sagten die Leute direkt: Kommt doch erst mal rein, setzt euch, esst mit uns! Die waren froh, dass mal jemand vorbeigekommen ist. Bei dem einen oder anderen hätten wir wohl auch was zu Essen mitnehmen können“, erinnert sich Anne schmunzelnd. „Wir haben hier viele Nationen im Haus, einige Familien sind sehr gastfreundlich und offen.“
Sabine und Anne wollen möglichst viele Hausbewohner mit ins Boot holen, aber dieses Boot kann nicht Sabines Küche sein. Was sie brauchen, ist ein Gemeinschaftsort. Und den gibt es, er muss nur aus seinem Dornröschenschlaf geweckt werden. Darauf stößt Anne bei einem Blick in die Vergangenheit.
Eine Schlüsselbekanntschaft
„Ich habe das irgendwann mal angefangen nachzuforschen, weil ich die Stadtteilgewerkschaft „Lobeda Solidarisch“ kennengelernt habe und ebenfalls mehr Solidarität in den Stadtteil bringen wollte. Deswegen habe ich mich überhaupt mit der Geschichte von Neulobeda beschäftigt.“ Beim Lesen in der Stadtteil-Chronik wird sie überrascht. „Ich habe festgestellt, dass es das alles schon mal gab: einen Gemeinschaftsraum in jedem Haus, sogar gemeinsam genutzte Werkstätten.“ Aus manchen Bezeichnungen wird Anne zunächst nicht schlau – so sind etwa die Häuserblöcke nach einem System nummeriert, das nicht den heutigen Hausnummern entspricht. Auf Stadtrundgängen spricht sie Ältere an, erfährt mehr über gemeinschaftlich genutzte Orte, und wie diese in den 90ern still und leise verschwanden. Wer das wohl veranlasste, und mit welcher Absicht?
Anne zuckt mit den Schultern. „Ich denke, dass zur Wendezeit viele ausgezogen sind und in diesem Moment gesagt wurde: wir bieten jetzt hier mehr Möglichkeiten, Fahrräder abzustellen.“ Zugezogene und Alteingesessene suchten immer weniger den Kontakt zueinander.
Als Sabine vor gut zehn Jahren mit Rädern und Rollstühlen im Gepäck in die Nummer 6 einzieht, ist der bisherige Abstellraum übervoll. Auf Nachfrage bei der Hausverwaltung erhält sie einen Schlüssel zu einem weiteren Raum im Erdgeschoss. „Da standen damals lauter Kinderwagen drin, die niemandem mehr gehörten. Die habe ich erst mal weggeschafft.“ So wird Sabine zur offiziellen Schlüsselveranwortlichen des Raumes, der einmal der Gemeinschaftsraum des Hauses war.
„Ich war wie die Tante, die man einmal im Jahr trifft“
Damals ahnt sie noch nichts von den Visionen ihrer späteren Nachbarin. Für Anne wird der inzwischen wenig genutzte Raum zum entscheidenden Baustein, um die Nachbarschaft aus der Anonymität zu holen – vorerst an zwei Sonntagen im Monat. „Wir haben ein paar Tische und Stühle zusammengetragen, Sabine hat Kaffee und Tee gekocht und wer Lust hatte, brachte eine Kleinigkeit zu Essen mit.“ Zum ersten Mitbring-Café kommen ein Dutzend Hausbewohner. Die Runde war ungewohnt und vertraut zugleich, erzählt Anne. „Wir saßen ja kurz zuvor in vielen Wohnungen schon mal auf dem Sofa, dementsprechend war die Hürde nicht mehr so hoch. Das war mehr so wie der Besuch bei der Tante, die man einmal im Jahr trifft.“
Gesprochen wird über Alltagsthemen: Die Kinder, die Arbeit, aber auch die anstehende Mieterhöhung, und die vielleicht deutscheste aller Fragen: Korrekte Mülltrennung. Manche genießen es einfach, mal aus den eigenen vier Wänden rauszukommen. Langsam wachsen zarte Bande, etwa mit der Weitergabe eines Briefkastenschlüssels. Anne selbst besucht inzwischen einmal pro Woche ihre arabisch-sprechenden Nachbarn und übt mit den Kindern deutsch. Und sie schmiedet schon wieder Zukunftspläne.
Wird es der Wohnungsbaugesellschaft irgendwann zu bunt?
Dass sie den Abstellraum zum Gemeinschaftsraum umwidmen, darüber haben Anne und Sabine ihre Wohnungsbaugesellschaft einfach in Kenntnis gesetzt. Sie haben Glück: Die zuständige Mietbetreuerin heißt das Vorhaben gut, und der Hausmeister hängt sogar ihre Einladungszettel in den Schaukasten des Hauses. „Aber als wir wegen weiterer Ideen angefragt haben, hieß es, da habe die Obrigkeit Bedenken.“
Bei diesem Thema schwanken Anne und Sabine zwischen Akzeptanz und Aufmüpfigkeit. „Wir wollten zum Beispiel im Eingangsbereich eine Pinnwand aufhängen, für Kleinanzeigen“, erklärt Anne. „Aber da hieß es, da könnte irgendwelches Gedankengut drankommen, mit dem die Hausverwaltung nicht konform geht.“ Auch einen Arbeitseinsatz wollten die Hausbewohner*innen organisieren, um die Brachflächen ums Haus zu bepflanzen – doch wieder werden sie gebremst mit dem Verweis auf unklare Verantwortlichkeiten. Jetzt ist es die sonst vorsichtige Sabine, die vorschlägt, mit ein paar Topfpflanzen Tatsachen zu schaffen. „Mehr als rausrupfen können sie es nicht, gell? Einfach pflanzen und fertig. Hauptsache, es ist sauber alles.“
Eine Graswurzel-Initiative – auch schon zu DDR-Zeiten
Im kommenden Jahr will Anne neue Projekte anregen, und zwar gemeinsam mit Bewohner*innen aus den beiden Nachbarhäusern.
„Ein Mieter aus dem Nachbarhaus will eine Werkstatt einrichten. So etwas gab es hier zu DDR-Zeiten auch. Die Werkstätten waren für alle Bewohner geöffnet. Es gab pro Woche wohl ein, zwei Stunden, wo da etwas angeleitet wurde, ansonsten konnten die Leute selbstständig arbeiten.“ Dafür liebäugeln die Nachbarn schon mit den Kellerräumen zum Wäschetrocknen. Ob sie die Hausverwaltung davon überzeugen können, dass dort niemand mehr seine Unterhosen aufhängt?
An diesem Sonntag bleiben wir übrigens mit einer weiteren Nachbarin zu viert im Gemeinschaftsraum. Vielleicht ist die Konkurrenz an weihnachtlichen Veranstaltungen am dritten Advent zu groß, oder alle Hausbewohner brauchen mal eine Pause vom vorweihnachtlichen Trubel.
Wieder am Schreibtisch, frage ich beim Stadtteilbüro Lobeda die Chronik an, aus der Anne erzählt hat. Als ich kurz darauf in der digitalen Version stöbere, stoße ich auf diesen Absatz aus dem Jahr 1978:
„In einer guten Hausgemeinschaft kennt man sich, hat ein offenes Ohr für andere und trifft sich zu gemeinsamen Festen. Beispiele dafür, dass sich in Neulobeda Hausgemeinschaften gebildet haben, sind die Werner-Seelenbinder-Straße 10 und 16. In jedem dieser Häuser gibt es 44 Wohnungen. Die Bewohner der Werner-Seelenbinder-Straße 10 haben den Kinderwagenraum zu einem Klubraum umgestaltet. Im Abstellraum werden Flaschen und Gläser, Altpapier und Alttextilien gesammelt, die regelmäßig vom Altstoffhandel abgeholt werden, der Erlös daraus geht in die Hausgemeinschaftskasse. Jedoch nicht alle Mieter beteiligen sich an den gemeinsamen „Mach-mit!“-Einsätzen im Haus und zur Pflege der Außenanlagen.“
Auch wenn ich die genaueren Umstände dieser kurzen Notiz nicht kenne, zeigt sie für mich: Damals wie heute gestalten am Ende oft nicht Parteien und Organisationen, sondern die Menschen vor Ort maßgeblich ihre Lebenswelt. Sich in der Nachbarschaft verbunden zu fühlen, und sei es nur durch einen freundlichen Wortwechsel im Treppenhaus, macht unser Leben reicher. Das „Einsamkeitsbarometer“ der Bundesregierung von 2024 erfasste Millionen Menschen in Deutschland, die sich einsam fühlen, quer durch alle Altersgruppen. Besonders einsam sind Menschen mit Migrationshintergrund und solche, die viel Sorgearbeit leisten, sich also etwa um Kinder oder ältere Angehörige kümmern. Neben Mietertreffs von Wohnungsbaugesellschaften kann für sie so ein unkompliziertes Treffen im Haus wertvoll sein, das nehme ich auch aus dem Gespräch mit Anne und Sabine mit.
Gestaltungsräume bieten dabei ausgerechnet die als anonym wahrgenommenen Plattenbauten – wenn die Bewohner*innen sie erkennen und mit Leben füllen.