Das Theaterhaus zeigt ein poetisches und kompromissloses Sozialdrama. Ob das Ensemble alles unter einen Hut bringen kann, was es sich vorgenommen hat? Eindrücke aus der öffentlichen Hauptprobe.
Mit der dreisprachigen Inszenierung „Hass / Μίσος / Ură“ holt das Theaterhaus einen französischen Kultfilm der 1990er-Jahre in die Gegenwart. Die Geschichte dreier Jugendlicher aus dem Pariser Banlieue zwischen die Wohnblöcke Lobedas zu verlegen, funktioniert und erzeugt Nähe wie auch Komik. Doch eine echte Neuverortung ist harte Arbeit und brachte den Abend in der Hauptprobe an seine Grenzen. Dabei wirkt das umfangreiche Material, aus dem das Stück schöpft, bereichernd und erschöpfend zugleich.
Eine persönliche Vorbemerkung: Ich habe den Film „La Haine“, auf dem das Stück basiert, nicht gesehen – vermutlich geht es einem Teil des Publikums ähnlich. Der Trailer vermittelt jedoch ganz gut, warum das Drama Kultstatus hat: Paris-Bilder in schwarzweiß, drei junge Freunde zwischen Wut und Perspektivlosigkeit, hohes Tempo. In der Lobeda-Version werden aus Hubert, Said und Vince die Figuren Hub, Sai und Viki. Zwei Rollen weiblich zu besetzen, statt eine reine Jungs-Clique zu zeigen, gelingt unverkrampft.
Am Anfang stehen die Ereignisse des Vortags: Eine linke Demonstration, eingekesselt zwischen Neonazis und Polizei. Ein Bekannter landet schwer verletzt im Krankenhaus, zugleich kursiert das Gerücht über eine verschwundene Dienstwaffe. Hub, der sich ehrenamtlich im Stadtteil-Laden engagiert (deutlich erkennbar als „Emils Ecke“) , versucht zu deeskalieren und erkennt Gewaltbereitschaft auf allen Seiten. Das treibt seine Freundin Viki in die Konfrontation. Für sie ist der erste Schuss längst gefallen, alles Weitere ist Selbstverteidigung. Der Streit entspringt hitzigem Idealismus und beißendem Spott auf beiden Seiten und hat sowohl Informations- als auch Unterhaltungswert. Gleichzeitig belastet die Inszenierung früh eine Freundschaft, die sie noch nicht mit Leben gefüllt hat. Zusammengehalten werden die beiden Konfliktparteien zunächst von Sai. Sie tritt mit ständig gezücktem Smartphone und Influencer-Ästhetik auf, träumt von einer Musikkarriere und erscheint behutsam als queer markiert. Politische Aktionen begleitet sie offenbar vor allem aus Freundschaft.
Das Stück braucht Zeit, um Fahrt aufzunehmen, weil es zunächst ausführlich Lokalbezug herstellt. Jena ist nicht Paris, aber auch hier fühlen sich die jungen Menschen in der Peripherie von einem meist fernen Zentrum aus beherrscht. Interviews aus Lobeda, geführt vom Jenaer Masterstudiengang „Professionelles Schreiben“, liefern dazu O-Töne und Textmaterial. Das bereichert den Abend, bremst ihn aber zugleich. Den Widerspruch eines akademischen Blicks auf proletarische Realitäten thematisieren die Figuren selbstironisch, lösen ihn jedoch nicht auf. Zwischen französischen Filmzitaten, Reflexionen über Gewalt und Solidarität in Dialog und Monolog, TikTok-Ästhetik und Lokalisierungs-Anspruch verliert die Zuschauerin manchmal den Überblick. Dass Rapper Simon Schwan alias Sorbas mehrere Songs performt, funktioniert indes erstaunlich gut und verschafft dem Stück Atem.
Ein weiterer Aspekt, der das Stück sowohl besonders als auch besonders anstrengend macht, ist die Mehrsprachigkeit. Die Darstellerin der Viki, Anna Maria Papaioannou kommt im Rahmen des zweiten Theateraustauschs des Hauses vom Theatro Technis in Athen, das parallel die Inszenierung »24 hours in a world that doesn’t belong to us« entwickelt hat. Mit der hauseigenen Ioana Nițulescu steht als Sai eine rumänische Muttersprachlerin auf der Bühne. Das Theaterhaus macht von diesem Potenzial vollen Gebrauch und lässt die beiden Darstellerinnen selten ins Deutsche wechseln. Eine mutige künstlerische Entscheidung, die das Leben in einer vielsprachigen Community und das Hadern mit Herkunft und Heimat allgegenwärtig macht. Damit entsteht aber die Notwendigkeit, ein textlastiges Stück komplett zu übertiteln. Zumindest während der Hauptprobe funktionierte das nur mäßig. Eingeblendete und gesprochene Zeilen stimmten oft im Wortlaut nicht überein, waren deutlich asynchron und enthielten zahlreiche Schreibfehler. Das erschwerte das Verständnis und untergrub stellenweise schlicht die Dramaturgie. Im letzten Drittel waren die Übertitel durch einen ansonsten gelungenen Kulissenumbau zeitweise gar nicht mehr sichtbar – aber das ruckelt sich im Spielbetrieb hoffentlich noch ein.
Unterm Strich hat „Hass“ viel zu bieten: Eine Verbindung von immer noch hochaktuellen gesellschaftlichen Themen, die die Inszenierung nicht nur auf intellektueller Ebene verhandelt, sondern auch in einer packenden Story erzählt. Nach einem zähen Start entwickeln die drei Hauptdarsteller eine authentische Dynamik mit starker körperlicher Präsenz, deren Gedankengänge unbequem, aber nachvollziehbar bleiben. Florian Thongsap Welsch schafft es als ausgebrannter Pazifist, knuffige Schluffigkeit mit gefährlichen Untiefen zu verbinden, während Anna Maria Papaioannou ihrer knallhart-zynischen Viki eine poetische Verletztlichkeit gibt. Ioana Nițulescu verbirgt hinter Sais sprunghaft-oberflächlicher Fassade Verlorenheit und Stärke. Der Musiker Sorbas hätte nicht unbedingt eine Sprechrolle gebraucht, in seiner einzigen ausführlichen Szene sorgt er als Karikatur eines Rapstars aber durchaus für Komik und bekommt haarscharf die Kurve vor dem Overacting.
Bühnenbild und Kostüm sind schlicht und hochfunktional. Nur dadurch geht die Gleichung auf, die Rückwand der Bühne mit drei Hochhaus-Leinwänden zu bestücken, auf denen sich wie im Reel-Rausch historische Fotos, Demo-Mitschnitte, Animationen und Live-Aufnahmen von der Bühne abwechseln. Hier wäre weniger mehr, einige Ideen tragen aber äußerst wirkungsvoll dazu bei, die Handlung in Jena zu verorten. Auch wenn es nicht mehr mühelos wirkt: Trotz Überfrachtung und technischer Schwächen gelingt am Ende der Balanceakt. Das Ensemble hält die Spannung bis zum Schluss und erzählt ein Sozialdrama, das berührt und nachwirkt.
Nach der ausverkauften Premiere am 29. Januar 2026 läuft „Hass / Μίσος / Ură“ vorerst an sechs weiteren Abenden (siehe Link)
Einblicke ins Stück und Interviews mit der Künstlerischen Leitung im Fernsehbeitrag bei JenaTV.
Altersempfehlung des Hauses: ab 16 Jahren, Triggerwarnung für Gewalt, Drogenkonsum, Sexismus und Suizid.