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„Wenn es schon weniger Kinder gibt, bieten wir denen zumindest eine gute Bildung an.“

Als junge Mutter erlebte Jacqueline Boegel einen Babyboom in Jena – und wie sich das Verhältnis zwischen Kinderzahl und Kitaplätzen seitdem umkehrte. Heute ist sie Geschäftsführerin der Waldkindergärten und kämpft dafür, trotz Geburtenknick die Vielfalt der Kindergärten zu erhalten. 

TIPP: Du willst lieber hören als lesen? Kein Problem: Unser Gespräch findest du auch als Podcast auf Youtube, Spotify oder Apple Podcasts.

Bella:

Vor 15 Jahren gab es einen regelrechten Geburtenboom, für Kindergartenplätze gab es Wartelisten. Wie hast du das als Mutter erlebt?

Jacqueline:

Das war tatsächlich sehr aufregend: Die Frage, ob und wann man einen Kindergartenplatz bekommt. In der Wunschkita angenommen zu werden war ein Volltreffer. Wir haben uns damals bei vier Kitas beworben und haben schließlich noch 5 Monate überbrückt, um den Platz im Waldkindergarten zu bekommen.

Bella:

Wann hat sich die Situation verändert?

Jacqueline:

Tatsächlich erst bei meinem vierten und letzten Kind. Wir sind irgendwann in den Saale-Holzland-Kreis gezogen. Da hatten wir mit dem dritten Kind arge Probleme, dass wir einen Kitaplatz in Jena wahrnehmen durften. weil der Jahrgang 2019 noch geburtenstark war. Zwei Jahre später war es überhaupt kein Problem mehr. Da waren die Kindergärten eher dankbar, dass auch Familien von außerhalb angefragt haben.

Bella:

Seit zwei Jahren erlebst du die Situation noch aus einer anderen Perspektive, nämlich als Geschäftsleitung des Waldkindergartens. Wie geht ihr gerade mit dem Thema um?

Jacqueline:

Wir haben das Glück, dass aufgrund des speziellen Konzepts, also der Waldpädagogik, immer noch ein recht großes Interesse da ist. Unsere Belegung mit Kindern unterscheidet sich daher nicht wesentlich von der vor 5 Jahren. Was aber deutlich gestiegen ist, ist der Aufwand, den man betreiben muss, um diese Plätze auch zu besetzen. Als ich mich mit damals mit einem meiner Kinder beworben habe, gab es für drei Plätze 60 Bewerber.

Zitat von Jacqueline Boegel: "Damals gab es drei Plätze für 60 Bewerber. Die Zeiten sind ganz deutlich vorbei.

 Die Zeiten sind ganz deutlich vorbei. Wir haben jahrelang Infoabende für interessierte Eltern veranstaltet, drei oder viermal im Jahr, mit jeweils 20 oder 30 Personen da waren. Das gibt’s in der Form alles nicht mehr. Wenn Familien heute anfragen, werden die direkt zum Kennenlernen eingeladen. Dann klären wir im persönlichen Gespräch, was deren Bedürfnisse sind und ob das Konzept für sie passt, vor allem mit dem permanenten Draußensein der Kinder. Um einen Platz zu besetzen, führen wir vielleicht drei Gespräche – das ist natürlich ein höherer Aufwand als vor einigen Jahren.

Bella:

Seid ihr denn dazu auch im Austausch mit anderen Kindergärten, oder machen das alle mit sich selbst aus?

Jacqueline:

Es gibt die große AG Kita, in der sich alle freien Träger auch mit Vertretern der Stadt zusammensetzen. Da bekommen wir immer die neuesten Zahlen und Fakten präsentiert. Das ist tatsächlich nicht so eine schöne Runde, weil die Zahlen von Mal zum Mal schlechter werden. Der schlechteste Fall, der angenommen wurde, wird dann noch mal übertroffen – das ist ein deprimierendes Gefühl. Wobei wir wie gesagt unsere Plätze noch besetzt bekommen und gewissermaßen noch auf der Sonnenseite leben. Dann gibt es außerdem über unsere Fachberatung eine Netzwerkrunde, wo sich freie Träger treffen, die nur ein oder vielleicht zwei sehr kleine Kitas betreiben. In dieser Runde haben wir letztes Jahr eine Kooperation gestartet, mit der wir gemeinsam dafür einstehen wollen, dass diese Trägervielfalt erhalten bleibt in Jena. Wir wollen uns dafür stark machen, dass nicht die Träger als solche sterben, sondern im schlimmsten Fall Plätze gekürzt werden oder vielleicht eine von zwei Kitas schließen muss. Über einen gemeinsamen Flyer machen wir gegenseitig aufeinander aufmerksam.

Bella:

Man könnte denken, in Zeiten der Knappheit kümmern sich alle erst einmal um sich selbst. Wie kommt das, dass ihr da auch gegenseitig aufeinander verweist?

Jacqueline:

Wir haben alle festgestellt, dass wir aktuell wesentlich mehr Aufwand in der Öffentlichkeitsarbeit betreiben müssen. Das geht etwa durch häufige Präsenz auf Veranstaltungen. Und das können kleine Träger ganz schlecht leisten. Das Verwaltungspersonal besteht aus zwei Personen bei uns. Dann gibt’s noch ein paar Ehrenamtliche, die sich im Vorstand engagieren und vielleicht ein paar Pädagogen, die bei so etwas mitmachen, dann außerhalb ihrer Arbeitszeit. Auf diese Weise können wir drei bis vier Veranstaltungen im Jahr bespielen, aber das reicht bei Weitem nicht mehr aus. Deswegen bündeln wir freien Träger jetzt unsere Kräfte. Wir haben eine Postkarte erstellt mit einem QR-Code darauf. Da haben alle Kitas, die sich beteiligen, Infos zu ihrer Einrichtung eingestellt.

Bella:

Du meintest, die aktuelle Lage ist deprimierend. Seht ihr denn auch Chancen, etwa dadurch, dass mehr Personal zur Verfügung steht?

Jacqueline:

Wir merken das in unseren beiden Kindergärten nicht so. Wir müssen immer nach sehr speziellem Personal Ausschau halten, denn nicht jeder kann sich das vorstellen, bei Wind und Wetter im Wald zu sein. Es wäre aber natürlich eine Chance für die Politik, die Bedingungen insgesamt zu verbessern. Etwa, wenn wir mehr Quadratmeter pro Kind finanziert bekommen würden.

Der Fachpersonalschlüssel wurde zwar 2024 angepasst, aber da könnte man nochmal nachlegen. Ich denke schon, dass das Land und die Kommunen auch anderswo Kosten sparen, wenn es weniger Kinder gibt.

Bella:

Was ist denn der aktuelle Personalschlüssel in Thüringen? Wie geht ihr damit um, und wo würdet ihr gerne hin?

Jacqueline:

Wir betreuen ja Kinder ab einem Jahr. Bei den Ein- bis Dreijährigen betreut ein Pädagoge sechs Kleinkinder. Ab drei Jahren ist der Betreuungsschlüssel bei 1:12. Wir versuchen, die Waldzeiten am Vormittag besonders gut mit Personal ausstatten. Am Nachmittag können wir die Gruppen zusammenzuführen, da ist etwas mehr Spielraum. Mit dem neuen Personalschlüssel können wir da schon wesentlich mehr anfangen, als das noch vorher der Fall war.

Da mussten wir wesentlich mehr jonglieren und auch mit Aushilfskräften arbeiten, die dann die Waldzeiten mitbetreut haben. Letztendlich ist Thüringen immer noch im Mittelfeld, was den Betreuungsschlüssel betrifft. Natürlich wäre es schön, wenn wir uns an den anderen Bundesländern orientieren und ihn weiter anheben könnten. Damit würde das Land sagen: Wenn es jetzt schon weniger Kinder gibt, dann bieten wir denen zumindest eine gute Bildung an.

Zitat Jacqueline Boegel: "Thüringen ist immer noch im Mittelfeld, was den Betreuungsschlüssel angeht."

Bella:

Worin besteht denn da die Chance? Was verändert sich denn, wenn der Betreuungsschlüssel besser wird für die Kinder?

Jacqueline:

Das kann wohl jeder nachvollziehen, der selbst Kinder hat. Wenn ich alleine zu Hause bin und muss ein Kind betreuen, ist es natürlich ganz anders, als wenn ich drei oder vier Kinder betreue. Natürlich hat man eine gewisse Gruppendynamik und die spielen miteinander. Trotzdem brauchen die Kinder auch viel Hilfestellung bei alltäglichen Dingen wie anziehen, ausziehen, zur Toilette gehen. Auch Konfliktbegleitung und Spielangebote profitieren von einem besseren Personalschlüssel. Toll wäre es auch, wenn zusätzliche Assistenzkräfte finanziert werden würden, das ist noch nicht der Fall ist in Thüringen.

Bella:

Was würde euch denn abgesehen von davon noch in der aktuellen Situation unterstützen?

Jacqueline:

Kindergärten bekommen ja eine Verwaltungspauschale, aus der unter anderem auch Öffentlichkeitsarbeit finanziert werden kann. Im Moment bauen wir aber ganz stark auf ehrenamtliches Engagement. Da hat das Land Thüringen immerhin ein Förderprogramm aufgelegt für Ehrenamtliche. Um als Kindergärten sichtbar zu sein, würde aber auch ein zentrales Informationsportal helfen, oder eine Ergänzung des bestehenden Kita-Portals der Stadt.

Bella:

Komfortabel ist die Situation auf der anderen Seite für Eltern, die jetzt nach Kitaplätzen suchen.

Jacqueline:

Das stimmt. Sie haben die Wahlfreiheit: Was möchte ich für ein Konzept, welche Wege möchte ich auf mich nehmen? Das ist für die Eltern total schön, für uns Träger aber in der Planung schwierig. Nicht nur gibt es weniger Interessierte, es kommt auch vor, dass Eltern kurzfristig wieder absagen, weil sie doch eine andere Kita nehmen oder das Kind länger zu Hause betreuen wollen.

Bella:

Abgesehen von deiner professionellen Perspektive auf das Thema, was hast du denn für ein Gefühl dazu, dass so wenig Leute Kinder bekommen in Jena? Es gibt natürlich das demografische Echo, weil die kleinen Jahrgänge um 1990 jetzt Kinder bekommen. Aber es gibt auch in der Gegenwart Faktoren, die die Leute vom Kinderkriegen abhalten. Was müsste sich da aus deiner Sicht ändern?

Jacqueline:

Was die Gesellschaft da machen kann, das ist natürlich eine große Frage. Ich denke, wir sollten Paare dazu ermutigen, dass Familie nichts altmodisches ist. Dass es auch etwas Schönes ist, Kinder zu haben und zu sehen, wie die wachsen und sich entwickeln.

Jacqueline Boegel sagt also: Wer die Welt als unsicher und bedrohlich wahrnimmt, entscheidet sich eher gegen Kinder. Mir bleibt aus dem Gespräch sehr positiv im Gedächtnis, dass die freien Kindergärten in Jena nicht nach dem Gesetz des Dschungels handeln, sondern sich gegenseitig unterstützen. 

Hier findet ihr den gemeinsamer Auftritt der Kindergärten in freier Trägerschaft in Jena:

„Für eine Vielfalt der Jenaer-Kitas – gemeinsam für eine bunte, lebendige Kita-Landschaft“

Wir sind weiter auf der Suche nach guten lokalen Lösungen für Kitas und ihre Pädagog*innen sowie Familien, die von Schließungen betroffen sind. Was denkt ihr, wie sollte die Stadt Jena damit umgehen? Wie erlebt ihr die Auseinandersetzung mit dem Geburtenknick im ländlichen Raum? Und welche Aspekte sollten wir noch berücksichtigen? Dieses Gespräch ist eine Einladung zu einer Diskussion. Meldet euch gern per Mail unter hallo@lichtpunkt-jena.de oder diskutiert mit uns auf Instagram, Bluesky oder Mastodon.

Damit es sich besser liest, haben wir das Gespräch gekürzt und redaktionell bearbeitet.

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