Collage aus den zwei Autorinnen, die miteinander sprechen. Im Hintergrund eine statistische Darstellung der Geburtenentwicklung in Jena.

„Nicht wir, sondern unsere Eltern haben zu wenig Kinder“

Kitas stecken in der Krise – weil es zu wenig Kinder gibt. Woher kommt der Geburtenknick, und ist er in Thüringen schlimmer als anderswo? Wir tragen Fakten, Hintergründe und Perspektiven zusammen.

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Bella:

Ich fand das super spannend, nochmal in die Zeitungsberichte zu gucken und die Schlagzeile zu sehen von 2012: „Spatenstich für den neuen Kindergarten“. Damals gab es einen Kinder-Boom, alle haben sich um die Plätze gerissen, es gab Wartelisten. Und gerade passiert genau das Gegenteil.

Ada:

Es sieht mau aus aktuell.

Bella:

Allerdings. Da fragt man sich schon: was ist da passiert? Was ist denn deine erste Assoziation, wenn dich jemand fragt: warum kriegen die Leute keine Kinder mehr in Jena?

Ada:

Also einerseits guckt man aufs Geld, andererseits sind viele in meinem Alter auch noch mitten im Studium und denken noch gar nicht groß an Kinder. Aber da gibt es natürlich unterschiedliche Gründe.

Bella:

So geht es vielen: Die jungen Leute, insbesondere Frauen und somit potenzielle Mütter, wollen heute erst mal ihre Ausbildung abgeschlossen haben und am besten auch schon ins Berufsleben gestartet sein. Sich schon früh in die Kinderauszeit zu verabschieden, das fühlt sich für viele nach hohen Kosten an. Die fragen sich, ob das finanziell eine kluge Entscheidung ist. Hast du das Durchschnittsalter für das erste Kind im Kopf?

Ada:

Das liegt in Deutschland für Frauen bei Anfang 30 .

Bella:

Du hast schon erwähnt, du bist noch im Studium und hast noch kein Kind. Ich kann ergänzen: Ich habe schon ein Kind, das habe ich mit 26 bekommen. Das ist heute statistisch gesehen früh, und ich war in meinem Umfeld eine der jüngsten Mütter. Die Leute bekommen spät Kinder, und dann oft auch weniger Kinder. Aber ist das jetzt typisch Jena, oder typisch Ostdeutschland?

Text-Zitat

Ada:

Nein, wir erleben diesen Geburtenknick in ganz Deutschland, und da spielen unterschiedliche Faktoren mit rein. Die aktuelle Bundespolitik ist dem übrigens nicht sehr zuträglich, denke ich. Die Menschen überlegen sich in den letzten Jahren sehr gut, wann und wie sie Kinder bekommen. Der Arbeitsmarkt ist unsicher, viele Akademiker*innen wissen nicht, wie schnell sie einen Job finden. Viele Unternehmen sind aktuell sehr zurückhaltend damit, insbesondere junge Menschen einzustellen, mit wenig oder gar keiner Berufserfahrung. Und ohne gesichertes Einkommen sind die Leute eben auch zurückhaltend beim Kinderkriegen.

Bella:

Die Wirtschaftslage ist also generell unsicher, Krieg und Aufrüstung machen vielen Angst.  Und dann ist da auch noch die Klima-Katastrophe, die ist zuletzt in den Hintergrund gerückt. Vor ein paar Jahren haben wir in meinem Umfeld aber darüber gesprochen, ob es ethisch überhaupt vertretbar ist, in der jetzigen Zeit Kinder zu kriegen – also sowohl für die Welt als auch für die Kinder, die dann in dieser Welt leben müssen. Ich glaube, viele Menschen, die Kinder kriegen, verbinden damit aber auch Hoffnung oder einen gewissen Optimismus. Sie sagen Ja zur Zukunft, trotz aller Unwägbarkeiten des Lebens. Aber manche Faktoren machen es einem gerade schwer, Ja zu sagen.

Textzitat

Bella:

Die Geburtenzahlen bereiten im Moment jedenfalls vielen Menschen Sorgen. Das klingt ja auch krass, allein wenn man auf den Abbau von Kitaplätzen schaut: Erst hat die Stadt Jena entschieden, 500 Plätze bis 2027 abzubauen, jetzt hat sie diese Zahl nochmal verdoppelt – also reduziert sie um insgesamt 1000 Plätze bis 2030. In diesem Zusammenhang fand ich es erstaunlich zu lesen, dass die Fertilitätsrate, also die Anzahl der Kinder pro Frau in Deutschland über die letzten Jahrzehnte eigentlich sehr stabil war.

INFOBOX: Mythos Pillenknick und DDR-Familienpolitik

Nach dem Babyboom der 60er Jahre sanken die Geburtenraten in Ost und West auf einen Tiefpunkt. Da etwa zu dieser Zeit die Anti-Baby-Pille auf den Markt kam, wurde dieser Einbruch als „Pillenknick“ bekannt. Dass die neue Verhütungsmethode sich so stark bemerkbar machte, gilt heute aber als überholt. Relevanter waren Wirtschaft, Lebensweise, Geschlechterrollen und medizinischer Fortschritt sowie eine geburtenstarke oder schwache Elterngeneration.

Die DDR förderte Familiengründungen in den 70ern mit Wohnraum, Geburtsbeihilfen und zinsfreien Krediten, deren Rückzahlung bei mehreren Kindern erlassen wurde. Dadurch stieg die Geburtenrate deutlich. Im Nachhinein zeigt sich aber, dass Frauen in dieser Zeit nicht unbedingt mehr, sondern vor allem früher Kinder bekamen .

BELLA:

Allerdings stabil niedrig, zwischen 1,2 und 1,5. Damit die Bevölkerung gleich groß bleibt, müsste die Fertilitätsrate bei etwa 2,1 liegen. Das ist ganz gut nachvollziehbar, finde ich: Wenn zwei Leute ein bisschen über zwei Kinder bekommen, dann gleichen sie diejenigen aus, die weniger bekommen. Und da liegen wir eben schon eine Weile deutlich drunter, und das nicht nur in Deutschland, sondern auch in vielen anderen Industrieländern. Aber es gibt auch lokale oder regionale Faktoren.

Wir haben uns in der Vorbereitung beide nochmal die Wende-Zeit angeschaut. Wenn man sich da die Statistik für Jena anschaut, konkret die Jahre 1991 bis 94, da geht es runter mit den Geburten. In dieser Zeit haben die Leute so viel Unsicherheit und Unwägbarkeiten erlebt. Und das erleben wir gerade als sogenanntes demografische Echo. Das Problem ist eben nicht nur, dass wir als Generation zu wenig Kinder. Wir sind einfach zu wenige! Es gibt einfach eine kleinere Zahl an Menschen hier, die jetzt Anfang 30 sind und damit im relevanten Alter. Und wenn es von denen wenige gibt, dann kriegen die logischerweise auch insgesamt wenig Kinder. Und das ist ein großer Faktor in der Gesamtrechnung.

Ada:

Die Stadt Jena hatte jahrelang eine starke Auslastung, also zu viele Kinder auf zu wenig Kitaplätze, und hat dann angefangen, zusätzliche Kitas zu bauen und Kitaplätze zu schaffen. Das war in den Jahren 2012/2013 der Trend, da sieht man in der Geburtenkurve einen Anstieg, der dann 2014 seinen höchsten Punkt erreicht hat.

Grafik zum Geburtenknick in Jena, die einen ersten Tiefpunkt Anfang der 90er Jahre und einen zweiten in den 2020er Jahren zeigt.
Geburtenentwicklung in Jena mit Tiefstand 1993 und 2023 (Statistikstelle Jena, Stand 2023)

Gerade, als man die Plätze geschaffen hatte, gingen zwei, drei Jahre später die Kinderzahlen zurück. Da ist schon die Frage, hätte man das wissen können, hätte man vorausschauender planen können? Welche Faktoren spielen da noch alle mit rein?

Bella:

Wenn wir uns familienpolitische Maßnahmen des Bundes anschauen, also die Einführung von Kindergeld, Elterngeld und dem Rechtsanspruch auf Kinderbetreuung, dann sind das ganz wichtige Errungenschaften für ein modernes Familienmodell. Man sieht aber bei einer einzelnen Maßnahme selten eindeutig, wie stark sie die Geburtenrate beeinflusst, weil eben so viele Faktoren wirken. Also gut möglich, dass wir ohne diese Familienpolitik noch weniger Kinder hätten. Und in einer Demokratie sind solche Prozesse eben oft relativ langsam. Da wird zwar regelmäßig ein neuer Bedarfsplan geschrieben. Aber dennoch dauert das, diese Kehrtwende zu schaffen. Du hast dich zuletzt mit dem Thema Kitaplätze in Erfurt beschäftigt, wie sind die denn damit umgegangen?

Ada:

Die Ausgangslage ist ähnlich wie in Jena, und die Stadt ringt um eine Lösung. Es gibt das Kita-Moratorium, was von der SPD-Fraktion und den Piraten eingebracht wurde. Da geht es darum, möglichst die vorhandenen Erzieher*innen zu halten und eben auch die Kita-Plätze zu erhalten. Da sind die Stadtverwaltung und SPD-Fraktion eigentlich auch einig.

Aber es gab auch einige Missverständnisse und Demos von aufgebrachten Eltern.

Die CDU-Fraktion und der Oberbürgermeister möchten die Anzahl der Erzieherinnen nämlich durchaus reduzieren, etwa indem welche in Rente geschickt werden. Die anderen Fraktionen möchten mit der gleichen Anzahl an Erzieher*innen weitermachen, sodass sich der Betreuungsschlüssel ändert und stärker auf individuelle Bedürfnisse von Kindern eingegangen werden kann.

Bella:

Aus bildungswissenschaftlicher Perspektive könnte man den Betreuungschlüssel noch verbessern. Da gibt’s Vorschläge etwa von 3 zu 1-Betreuung bei den Kleinsten. Aber das kostet eben mehr Geld, und es ist derzeit nicht abzusehen, dass die Landesregierung den Schlüssel weiter verbessert.

INFOBOX: Betreuungschlüssel – wie steht Thüringen da?

Seit 2025 gilt in Thüringen ein Betreuungschlüssel bei den über Dreijährigen von 1:12 und bei den 2-3 Jährigen von 1:6 (vorher 1:8). Die Landesregierung wollte damit die Qualität der Betreuung verbessern, aber auch Stellen sichern. Gewerkschaften und Bildungswissenschaften fordern einen Schlüssel von 1:6 bei Kinder über 3 Jahren und 1:3 darunter. Diesen Schnitt erreichte Stand 2024 nur Baden-Württemberg, wobei Westdeutschland insgesamt einen besseren Schlüssel hat als Ostdeutschland

Ich finde das wichtig, was du gesagt hast, dass die meisten Fraktionen bemüht sind, das abzufedern. Sogenannte kalte Schließungen gibt es ja in der Regel sowieso nicht, also dass Kindergärten innerhalb kurzer Zeit zu machen und die Familien sich dann umgucken müssen. Meist gibt es schon so zwei Jahre Vorlauf. Man lässt die Kinder ihre Kita-Laufbahn noch zu Ende bringen, aber man nimmt eben keine neuen mehr auf. Von den Pädagog*innen gehen sicher einzelne in Rente, andere müssen sich umorientieren. Da ist aber die große Frage, ob man diese Fachkräfte dann zurückholen kann, wenn die Geburtenrate doch wieder steigt.

Ada:

Und was offen ist: Das Kita-Moratorium wurde beschlossen, aber ohne Finanzierung. Es wird gestritten, ob man aus dem Landesmoratorium Zuschüsse bekommen kann oder aus anderen Quellen. Die CDU-Fraktion sagt, die Gelder sind schon anderweitig verplant. Deswegen wird das Moratorium jetzt möglicherweise wieder gekippt.

Bella:

Der Begriff Kita-Moratorium ist in Jena noch nicht gefallen, soweit ich das auf dem Schirm habe. Dabei geht’s natürlich in erster Linie nicht um freie Träger, sondern um die städtischen Kindergärten, die die Stadt ja direkt lenken kann. Weißt du, was da der Stand ist?

Ada:

Geplant ist die Schließung der Kita Pinocchio bis 2027, Kita Glühwürmchen und Kita Wirbelwind und Kita Wogau. Und dann werden verschiedene Einrichtungen zusammengelegt und Plätze reduziert.

Bella:

Ich finde das so krass mit Blick zurück auf die Wendezeit, wo wir diesen ersten starken Geburtenknick hatten vor 30 Jahren. Da wurden in Jena 50 Kindergärten geschlossen.

Da muss man sich auch mal vorstellen, wie viele es damals gegeben haben muss. In der DDR war ja sehr frühe Kinderbetreuung üblich, viele Kinder sind schon mit wenigen Wochen in die Krippe gekommen. Die Vollbeschäftigung von Mann und Frau hatte von staatlicher Seite hohe Priorität. Das hat meiner Meinung nach auch Auswüchse gehabt, die für die Kinder und die Familien nicht so gut waren. Auf der anderen Seite hast du dann Westdeutschland als Extrem, wo Kinder unter drei Jahren oft gar nicht in die Betreuung gegeben wurden und werden. Und auch für ältere Kinder ist es nach wie vor gar nicht so selbstverständlich, dass man überhaupt einen Platz bekommt. Dagegen ist die Situation in Ostdeutschland auch nach der Wende geradezu luxuriös gewesen.

Und jetzt haben wir in Jena eben diese heftige Überkapazität, etwa 1500 Plätze waren es zuletzt. Es gibt die Hoffnung, dass es jetzt wieder mehr Kinder werden, dass sich das einpendelt.

Ada:

Manche vermuten auch einen Zusammenhang zwischen den vielen Möglichkeiten, die eine Frau hat, sich selbst zu verwirklichen, und dem Geburtenknick. Die wollen dann aus feministischer Sicht gern drei Schritte zurück: „Frauen gehören an den Herd und sollen Kinder kriegen.“

Bella:

In dem Zusammenhang finde ich es spannend, dass das bis in die 70er Jahre tatsächlich so war, zumindest in Westdeutschland. Frauen konnten sich letztendlich entscheiden zwischen Familie und Karriere, beides gleichzeitig ging nicht. Daher stimmte die Gleichung: Mehr erwerbstätige Frauen bedeuteten weniger Geburten. Aber das gilt heute gar nicht mehr. Ab den 90er Jahren ist der Zusammenhang genau umgekehrt.  Also, je mehr erwerbstätige Frauen, desto mehr steigt auch wieder die Geburtenrate. 

Textzitat

Und das ist in in anderen Industrieländern ist das noch viel stärker. Die USA, Australien, Frankreich und die skandinavischen Länder, das sind Länder mit einer hohen Erwerbstätigkeit bei Frauen und einer höheren Geburtenrate. Deswegen finde ich das so kurios, die Vereinbarkeit von Beruf und Familie schlechter zu machen, um Frauen irgendwie nach Hause zu bringen. Dieses Alleinverdienermodell, also dass eine Person voll arbeitet und die andere zu Hause bleibt, war ja in Deutschland bis in die Nuller-Jahre der familienpolitische Standard. Aber das funktioniert halt einfach nicht mehr. Da muss eine Person halt so gut bezahlt werden, dass noch eine Person und mehrere Kinder davon leben können. Und wenn man sich jetzt die Mieten anschaut, gerade in den Großstädten, wie soll denn eine Person das alleine stemmen?

Inzwischen sind ja immerhin 30% der unter Dreijährigen in Kinderbetreuung, im Osten über 50%. Aber für alle anderen Familien bedeutet das, eine Person muss drei Jahre zu Hause bleiben und danach in Teilzeit arbeiten. Und wenn du mehrere Kinder bekommst, musst du schnell mal 10 Jahre zu Hause bleiben oder kannst keine volle Stelle annehmen – das überlegen sich viele gut.

Da bin ich schon ganz froh, dass ich in Jena lebe, wo Kinderbetreuung eine höhere Selbstverständlichkeit hat. Gleichzeitig scheint es ja nicht zu reichen, um den Trend in der Geburtenentwicklung aufzuhalten oder sogar umzukehren. Was sind denn noch lokale Faktoren, die beeinflussen, wer wie viele Kinder kriegt?

Ada:

Das, was wir vorhin schon mit dem demografischen Echo hatten: Wie viele Frauen es überhaupt gibt, die Kinder kriegen können. Und da kommt noch die Wegzugrate entscheidend hinzu. Wenn jetzt Menschen hier studieren, dann aber mit Ende des Studiums wegziehen, dann bekommen sie eben keine Kinder in der Region.

Textzitat

Bella:

Und das ist im ländlichen Raum noch viel heftiger. Da gibt es immer weniger Frauen, und wenn dann der eine Kindergarten im Umfeld zumacht, dann kommen da natürlich auch keine neuen Familien mehr hin.

Ada

Was ich mich frage, ist, ob es einen untersuchten Zusammenhang gibt zwischen einer politisch rechten Einstellung und dem Wegzug von Frauen.

Bella:

Ich bin der Meinung, es gibt diesen Zusammenhang durchaus, aber ich habe dazu jetzt keine Quelle, deswegen würde ich das erst mal liegen lassen. Umgekehrt ist das aber gut untersucht.

Wir können also festhalten, dass wir in Bezug auf die Kinderbetreuung in Jena noch eine Luxussituation haben. Denn das ist natürlich ein wesentlicher Faktor in der Familienplanung. Was auch eine große Rolle spielt, ist der Faktor Wohnraum. Das war in Jena immer aktuell in den letzten Jahren. Es gibt insbesondere wenig bezahlbare Wohnungen mit mehreren Zimmern. Und mit einem Kind kann ich vielleicht noch in der WG bleiben oder bei Mutti oder in der Zwei-Zimmerwohnung. Aber mit dem zweiten und spätestens mit dem dritten Kind braucht es dann einfach eine Vier- oder Fünf-Zimmer-Wohnung. Und wenn es die nicht gibt, dann wird der Kinderwunsch im Zweifel aufgeschoben und wird vielleicht auch gar nicht mehr umgesetzt.

Ada:

Und der verfügbare Wohnraum ist eben wahnsinnig teuer: Ich glaube, der Quadratmeterpreis liegt aktuell zwischen 10 und 12 € in Jena im Schnitt. Und wenn jetzt Wohnungen neu gebaut werden, also gerade beispielsweise in Zöllnitz, dann klettert der Preis durchaus auch mal auf 13 bis 15 € pro Quadratmeter. Das ist dann schon Luxus-Wohnen, würde ich sagen. Gerade bei einer Fünfzimmerwohnung.

Bella:

Das wird die nächsten Jahre auch nicht besser, mit den Kosten, die Bauen gerade verursacht. Das wird wahrscheinlich eher im Bereich von 19 € der Quadratmeter liegen und das ist ja für Ost-Verhältnisse absurd. Das ist eine Verdreifachung innerhalb weniger Jahre.

Ada:

Ein Lichtblick sind da die Genossenschaften in Jena. Die setzen sich dafür ein, mit den Mietpreisen halbwegs im Rahmen bleiben. Ich glaube, sie versuchen sich so bei 8 bis 9 € einzupendeln. In Erfurt habe ich glaube ich auch schon 6 € gehört pro Quadratmeter, das sind dann natürlich aber auch wieder Außenbezirke.

Bella:

Wir halten fest: Der Wohnraum ist eine ganz wichtige Stellschraube, gerade, um kinderreiche Familien in Jena halten zu können. Heute ist man ja schon ab drei Kindern eine kinderreiche Familie. Hast du eigentlich Menschen in deinem Umfeld mit mehr als zwei Kindern?

Ada:

Ja, das ist aber eher die Ausnahme. Die Tendenz geht eher zu ein bis zwei Kindern.

Bella:

Das ist heute irgendwie der Standard in unserer Gesellschaft. Ich merke das bei mir selbst, dass ich auch schon so sozialisiert bin. Wenn ich Familien mit drei Kindern sehe, denke ich: Boah, das sind schon ganz schön viele! Und das, obwohl ich auch in einer Drei-Kind-Familie aufgewachsen bin. Aber das kommt mir heute ganz schön herausfordernd vor, mit mehreren Kindern den Alltag zu bestreiten. Ich fände es schön, wenn Kinder zu haben in der Gesellschaft wieder stärker als Chance und weniger als Problem angesehen würde. Leider spielt dabei ja auch eine Rolle, wer diese Kinder hat. Wenn man die Eltern abwertet, wertet man auch die Kinder ab.

Ada:

Ich fände es gut, wenn man im öffentlichen Raum auf die eigene Reaktion achtet, wenn jetzt irgendwo drei schreiende Kinder rumlaufen. Da bin ich im ersten Moment genervt, und dann denke ich: komm, lass, du hast jetzt eine Sekunde aus deren Alltag mitbekommen, und die schaffen das 24/7.

Bella:

Genau. Wenn da im Bus ein Kind schreit, dann ist das letzte, was die Eltern brauchen, dass noch alle die Augen verdrehen und genervt seufzen. Kann sich denn Jena in Sachen Kita-Krise eigentlich von Erfurt noch was abgucken?

Ada:

Ich hatte schon den Eindruck, dass Jena und Erfurt unterschiedlich mit der Situation umgehen. In Jena war man sich doch relativ schnell einig, dass man eben 500 Plätze streicht, und perspektivisch noch mal 500. So konkrete Zahlen gab es in Erfurt noch nicht. Warum ist man in Jena pessimistischer als in Erfurt?

Bella:

Der Kitabedarfsplan von Jena hatte zuletzt kalkuliert mit drei Szenarien der Geburtenentwicklung: Best Case, Worst Case und einem mittleren Szenario. Die Realität war dann aber noch schlechter als die Worst Case-Berechnung. Ich kann mir vorstellen, dass sich da ein gewisser Pessimismus breit gemacht hat. Aber wenn wir uns die Geburten-Statistik der letzten 30 Jahre nochmal ansehen, dann haben wir jetzt das demografische Echo von dem Knick der frühen 90er. Aber danach ging es wieder bergauf. Ich vermute mal, dass das Grund für Optimismus bei den Menschen ist, die sich mit Demografie beschäftigen. Aber ob das reicht, um die Tendenz umzukehren, ist unklar. Denn genauso wie demographisches Wachstum ist auch demographische Schrumpfung eine exponentielle Funktion. Das heißt, irgendwann geht’s dann richtig bergab.

Oh je, was für ein alarmierendes Schlusswort! Wir sind weiter auf der Suche nach guten lokalen Lösungen für Kitas und ihre Pädagog*innen sowie Familien, die von Schließungen betroffen sind. Was denkt ihr, wie sollte die Stadtverwaltung von Jena damit umgehen? Wie erlebt ihr die Auseinandersetzung mit dem Geburtenknick im ländlichen Raum? Und welche Aspekte sollten wir noch berücksichtigen? Dieses Gespräch ist eine Einladung zu einer Diskussion. Meldet euch gern per Mail unter hallo@lichtpunkt-jena.de oder diskutiert mit uns auf Instagram, Bluesky oder Mastodon.

Damit es sich besser liest, haben wir das Gespräch gekürzt und redaktionell bearbeitet.

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